Geschichte

Geschichte des Kaufhauses in der Mariahilfer Straße

Das heute als Möbelhaus Leiner bekannte Eckhaus an der Adresse Mariahilfer Straße 10-18 blickt auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurück. Berühmt wurde es Ende des 19. Jahrhunderts als eines der größten und prächtigsten Warenhäuser Europas und, gemeinsam mit Kaufhaus-Legenden wie Gerngross und Herzmansky, als einer der wichtigsten Mitbegründer der Einkaufskultur auf der Mariahilfer Straße.

1839–18771895–19501964–2019

1839

HAUS „ZUM ROTEN KREBS”

Ursprünglich stand an der Adresse des heutigen Eckhauses Mariahilfer Straße 10-18 bis in die Biedermeierzeit das Haus „Zum roten Krebs”. Das Gebäude erstreckte sich auf einem bis zur Siebensterngasse reichenden Areal, wurde 1839 demoliert und parzelliert und schuf damit Raum für die Häuser in der Karl-Schweighofer-Gasse.

Wienbibliothek im Rathaus, D 76617: Der Architekt, Heft 1 (1895) Tafel 42
1877

„À LA GRANDE FABRIQUE“, BRÜSSEL

Der belgisch-österreichische Unternehmer Stefan Esders (*1852) gründete gemeinsam mit Heinrich Weltmann 1877 in Brüssel das Textilgeschäft „À la grande fabrique“, das mit dem Verkauf von Hosen und Anzügen aus eigener Fertigung rasch zu einem Großunternehmen expandierte. Bald folgte die Eröffnung von Filialen in Antwerpen, Hamburg, Rotterdam und Wrocław, später in St. Petersburg, die alle als Familienbetriebe geführt wurden.

Privatbesitz
1895

ERÖFFNUNG WARENHAUS ESDERS, WIEN

Als erste Wiener Niederlassung des Textil-Warenhausimperiums von Stefan Esders eröffnete am 3. und 4. April das fünfgeschossige Etablissement „Zur großen Fabrik Stefan Esders” an der Adresse Mariahilfer Straße 18. Das von Architekt Friedrich Schachner nach dem Vorbild großer Pariser Warenhäuser („Galeries Lafayette”, „Prin-temps“, „La Samaritaine“) errichtete Gebäude war mit weitläufigen Verkaufsräumen auf 12.000 m² und 39 erstmals elektrisch beleuchteten Schaufenstern eines der größten und prächtigsten Warenhäuser Europas.

Zeitschrift Der Architekt, Heft 1 (1895), S.41 Autor: Josef Hackhuber
1898-1912

UMBAUTEN & ERWEITERUNGEN

Das prächtige Warenhaus war durch seine moderne Pfeilerbauweise aus Granit, Klinker und mauerummanteltem Eisen sowie die großzügigen Galerien im Inneren architektonisch für die damalige Zeit zukunftsweisend. Das Erdgeschoß und das erste Obergeschoß dienten dem Verkauf, im zweiten und dritten Obergeschoß befand sich die Kleiderfabrik, im vierten Obergeschoß war die Wohnung des Eigentümers untergebracht. Bereits 1898 wurden erste Umbauten und Erweiterungen des florierenden Unternehmens notwendig sowie 1902 ein Zubau. 1912 erfolgten weitere Umbaumaßnahmen.

Die Donau von Passau bis zum Schwarzen Meer. Hrsg./Ed. DDSG, Vienna 1917
1920-1950

NACHFOLGE & NACHKRIEGSZEIT

Nach Stefan Esders Tod (1920) übernahm sein Sohn Bernhard (bis 1933), danach sein Enkel Stefan die Leitung des Unternehmens. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude und seine prächtige historische Fassade in Mitleidenschaft gezogen, in den Jahren der Nachkriegs- und Besatzungszeit kam es wiederholt zu Plünderungen des Warenhauses. Erst ab 1950 trat wieder eine Normalisierung des Verkaufsbetriebs in dem einst prunkvollen Gebäude ein.

1964

NEUÜBERNAHME & MODERNISIERUNG

Mit der Auflösung des Unternehmens Esders wurde das Warenhaus 1964 an das Textil-, Teppich- und Möbelhandelsunternehmen Rudolf Leiner GmbH verkauft. In weiterer Folge wurde das Gebäude baulich stark verändert, im Inneren durch Umbauten und Modernisierungen wie den Einbau von Aufzügen und Rolltreppen sowie die Verwendung der oberen Geschosse nun ebenfalls für den Verkauf. Im Außenbereich sorgte die radikale Vereinfachung der Fassade im sachlichen Stil der Nachkriegsmoderne für eine starke Veränderung des historischen Gebäudecharakters.

1990-1991

ZUBAU KARL-SCHWEIGHOFER-GASSE

1990/1991 wurde der in der Karl-Schweighofer-Gasse angrenzende firmeneigene Parkplatz verbaut und mit einer Tiefgarage mit 3 Tiefgeschossen versehen. Der 1991 eröffnete Neubaukomplex in der Karl-Schweighofer-Gasse wurde in das Kaufhaus einbezogen, wodurch sich die Verkaufsfläche von 12.000 m² auf 30.000 m² vergrößerte.

2017-2019

KAUF DURCH SIGNA & ARCHITEKTENWETTBEWERB

SIGNA erwirbt Ende 2017 den Leiner Flagship-Store an der unteren Mariahilfer Straße mit dem Ziel, das Haus aufwändig zu modernisieren und zu einer gemischt genutzten Gewerbeimmobilie zu entwickeln. Ein internationaler Architekturwettbewerb wird ausgeschrieben, um in moderner Weise an die ursprüngliche Geschichte des Standorts als Traditions-Warenhaus anzuknüpfen und ein neues Zukunftsprojekt für die Mariahilfer Straße zu schaffen.